Ich hatte vor Kurzem ein Gespräch mit einem CFO das mich nicht mehr loslässt. Ich fragte ihn wie weit seine Organisation bei KI und Automatisierung in Finance sei. Seine Antwort war kurz.
KI-Projekte seien in seiner Organisation nicht einmal geplant. Nicht in Vorbereitung. Nicht in Evaluation. Nicht auf der Roadmap. Nicht einmal geplant.
Dieser CFO ist kein Einzelfall. Er ist ein Muster. In den Finance-Organisationen, in denen ich arbeite, ist die fortgeschrittenste KI-Anwendung fast immer Copilot in Microsoft Office. Manchmal noch nicht mal das.
Fünf Gründe warum KI und Automatisierung in Finance nicht ankommen
Grund 1: Automatisierung verliert systematisch gegen das Tagesgeschäft
Monatsabschluss. Quartalsabschluss. Auditoren. Regulatorik. Der Kalender ist voll, bevor eine einzige Automatisierungsinitiative beginnt. Die Teams, die am meisten profitieren würden, haben am wenigsten Zeit sich damit zu befassen.
Grund 2: Die Prozesse sind nicht automatisierungsreif
Automatisierung funktioniert bei stabilen, dokumentierten Prozessen. In vielen Finance-Abteilungen sind Prozesse historisch gewachsen, undokumentiert und personenabhängig. Wer einen instabilen Prozess automatisiert, automatisiert das Chaos.
Grund 3: Die Entscheidungskette ist zu lang
Finance. IT. Datenschutz. Compliance. Geschäftsleitung. Jede Instanz hat eigene Prioritäten und eigene Bedenken. Ohne jemanden mit Autorität und Durchhaltevermögen stirbt jede Initiative in Abstimmungsschleifen.
Grund 4: Finance und IT sprechen verschiedene Sprachen
Finance denkt in Geschäftsprozessen und Prüfungssicherheit. IT denkt in Systemen und Entwicklungssprints. Diese Lücke schließt kein guter Wille. Sie braucht eine Brücke.
Grund 5: Der Perfektionismus der vollständigen Lösung
Wenn ein Prozess nicht zu 100 Prozent automatisierbar ist, passiert gar nichts. Dabei wäre eine 70-prozentige Automatisierung bereits dramatisch besser als der Status quo.
Was Copilot wirklich ist und was nicht
Copilot in Microsoft Office ist ein Produktivitätstool für Wissensarbeit. Es bucht keine Rechnungen. Es reduziert keine manuellen Eingriffe in transaktionalen Finance-Prozessen. Es beschleunigt das Schreiben von E-Mails und das Zusammenfassen von Dokumenten.
Die Verwechslung dieser beiden Kategorien ist eine der häufigsten Fehlannahmen die ich im Markt beobachte. Copilot ist kein Automatisierungsprojekt für Finance. Es ist ein Büroproduktivitätstool.
Was ein CFO jetzt konkret tun kann
Schritt 1:
Manuelle Zeitfresser identifizieren. Zwei Stunden. Ein ehrliches Gespräch mit dem Team. Welche Aufgaben wiederholen sich jede Woche ohne komplexe Entscheidungen zu erfordern?
Schritt 2:
SAP-Potenzial nutzen, das bereits bezahlt ist. Automatische Zahlläufe. Automatische Mahnprozesse. Workflow-gestützte Genehmigungen. Viele Organisationen nutzen einen Bruchteil dessen, was SAP bereits kann.
Schritt 3:
Power Automate für einfache Automatisierungen. In Microsoft 365 integriert. Keine Programmierkenntnisse nötig.
Schritt 4:
Datenqualität als KI-Vorbereitung. Jede KI-Anwendung braucht gute Daten als Grundlage.
Schritt 5: Ein Pilotprojekt mit engem Scope. Einen einzigen Prozess. 90 Tage. Nicht fünf Piloten gleichzeitig.
Ob KI in Finance ankommt, hängt nicht von der Technologie ab. Es hängt vom CFO ab.
Ein CFO der KI als IT-Thema behandelt, bekommt IT-Lösungen die Finance nicht nutzt. Ein CFO der KI als Budgetlinie behandelt ohne operative Führung, bekommt teure Projekte, die unter Versprechen bleiben. Ein CFO der Automatisierung als operative Führungsaufgabe behandelt, bekommt Ergebnisse.
Was ich mitbringe
Ich bin Nicole Vekonj, Interim Managerin Finance & Controlling und Business Automation Managerin in Ausbildung bei Haufe. Ich kombiniere operative Mandats Erfahrung mit dem strukturierten Wissen über Prozessautomatisierung, die in Finance-Organisationen wirklich funktioniert.
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